Nordkorea - mueslipics

Sieben Tage in der einzigen kommunistischen Erbdiktatur


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26. April 2016

Warum Nordkorea....?


... vermutlich weil es so besonders ist, eine kommunistische Erbdiktatur und das letzte Land des ehemaligen Ostblocks. Man hört und liest viel und weiß doch wenig und es ist einfach reizvoll, sich selbst ein Bild zu machen. Als ich '89 in Moskau war habe ich die Sowjetunion noch in ihren letzten Zügen erlebt, die DDR kenne ich auch noch aus eigener Anschauung und 25 Jahre nach deren Ableben gibt es die KDVR (Koreanische Demokratische Volksrepublik) immer noch. Sie macht regelmäßig von sich reden, mit Drohgebärden und Raketen die ins Meer fallen mit Atomversuchen und Hungersnöten, mit Friedenswünschen und Kriegsdrohungen und natürlich mit dem dicken Diktator mit der lustigen Frisur. Vor drei Jahren habe ich schonmal einen Anlauf genommen, dieses Land zu besuchen, damals haben die Drohgebärden allerdings derart Überhand genommen, dass die Reise kurzfristig abgesagt wurde (was mir wunderschöne Tage in Japan bescherte). Nun also der zweite Versuch.

Möglich sind nur Pauschalreisen, es gibt einige Veranstalter, die sich hier spezialisiert haben. Etwa 6.000 Touristen reisen pro Jahr ins Land und man versucht sich vorsichtig zu öffnen. Individuelles geht immer noch nicht, aber man darf immerhin mittlerweile sein Smartphone behalten und muss es nicht mehr an der Grenze deponieren. Für den Pjöngjang Marathon, der kürzlich stattgefunden hat, wirbt man international um Teilnehmer. Devisen werden auch in Nordkorea dringend benötigt.

Der Reiseplan für unsere Zeitreise in den Kommunismus steht also fest, die Visa sind erteilt und die Flüge gebucht. Die Anreise erfolgt über Peking, hier fliegt Air Koryo, die Staats- und angeblich schlechteste Airline der Welt mehrmals die Woche von und nach Pjöngjang.

Um nach Peking zu kommen, muss ich aber erstmal in Hannover zum Flughafen kommen. Ein Verdi-Streik, der den öffentlichen Personennahverkehr in Hannover lahmgelegt hat, erschwert mir dies deutlich, aber nach einer Stunde Anreise stelle ich meinen Koffer in Langenhagen aufs Band. Es geht erst nach Amsterdam, wo ich mich mit meinem Mitreisenden Christopher treffe und von dort weiter nach Peking.


27. Juni 2016

Ente in Beijing


Pünktlich landen wir morgens um kurz vor 7 in Beijing. Dank der 72-Stunden Regelung für Transitpassagiere brauchen wir kein Visum und die Einreiseformalitäten sind schnell erledigt. Am Automaten ein paar Yuan ziehen und hinaus zu den Taxen. Nun sollte man aus Erfahrung eigentlich lernen, dennoch sitzen wir ganz schnell in einem Auto, dass sich als Taxi ausgibt und 350 Yuan für die Fahrt zum Hotel kassieren will. Wir steigen wieder aus. Als nächstes offeriert man uns unter Zuhilfenahme eines Computers am Schalter einen Minibus für 270 Yuan. Ich habe keine Ahnung mehr, was das Taxi vor drei Jahren gekostet hat, nur dass es irgendwie billiger war. Egal - wir sind müde, ab in den Minibus und auch wenn der viel (!!!) zu teuer ist und während der Fahrt noch 60 Yuan Maut für den Airport Expressway kassiert (wir finden später raus, dass es 5 Yuan kostet), der Fahrer ist sein Geld wert, Michael Schumacher war ein Waisenknabe gegen ihn. Trotz einer völlig verstopften Autobahn schafft er es dank einer Vielzahl waghalsiger und für Europäer äußerst fragwürdiger Manöver uns in weniger als einer Stunde in die smogdunstige Stadt zu bringen. Wir gehen schlafen.

Um halb zwei erheben wir uns matschig wieder, draußen ist es immer noch grau und dunstig, aber immerhin warm. Wir laufen zum Jingshan Park, schauen uns die Verbotene Stadt von oben an (ich war schon zweimal drinnen), statten als nächstes dem Platz des Himmlischen Friedens den obligatorischen Besuch ab und besichtigen schließlich auch noch den Lebensmittelmarkt an der Wangfujing. Nach Skorpion am Spieß oder Seestern ist uns aber nicht. Wir wollen Ente - Peking Ente und die gibt es bei Jingzun. Wir sitzen draußen, genießen einen milden Abend und schauen uns vor dem Schlafengehen nochmal den Tiananmen bei Nacht und mit Beleuchtung an.



27. Juni 2016



28. April 2016

Burger und Revolutionsmusik


Nachts um 3 Uhr sitzen wir senkrecht im Bett, Jetlag sei Dank. Danach gibt es nochmal eine Mütze voll Schlaf und um 8.00 stärken wir uns beim Frühstück. Danach führen wir wieder Verhandlungen mit Taxifahrern und kommen für 250 Yuan incl. Maut zum Flughafen - immer noch viel (!!!) zu teuer. Wir checken problemlos nach Pjöngjang ein. Irgendwie erwartet man, dass irgendwas anders sein müsste, wenn man in ein solches Land reist, ist es aber nicht. Um uns herum nehmen wir die ersten Nordkoreaner wahr, die unschwer an ihren Pins mit dem Kopf der Führer an der linken Brust zu erkennen sind. Darüber hinaus finden sehr viele Kisten ihren Weg auf das Gepäckband. Wir fragen uns, was da alles nach Nordkorea transportiert wird.

Um 14 Uhr soll es losgehen, das Verladen der Unmengen von Fracht in die TU 204 nimmt jedoch einiges an Zeit in Anspruch, so dass wir mit fast einstündiger Verspätung losrollen. Im Flieger sieht es nicht anders aus, als in anderen auch. Allerdings ist es bis zum Start sehr heiß und stickig, bloß keine Energie für die Lüftung verschwenden. Die durchaus hübschen und adretten Air Koryo Flugbegleiterinnen verteilen erst Einreiseformulare und servieren danach den berüchtigten Air Koryo Burger, ein Pappbrötchen mit gebratener Mett(?)-Einlage und Zwiebeln, dazu Wasser oder Fruchtsaft mit 10% Fruchtgehalt. Die Bordentertainmentanlage versorgt uns mit revolutionärer Musik dargeboten von der Moranbong Band. Irgendwann kommt eine Ansage, dass wir nun die Grenze nach Nordkorea überflogen haben und man gedenkt der Revolution. Kurze Zeit später beginnt der Sinkflug auf den Sunan International Airport .

Nach einigen schönen Blicken auf Pjöngjang von oben setzt unser Flugzeug um 16.55 Uhr Ortszeit am niegelnagelneuen Flughafen (eröffnet 2015) auf. Ein glänzendes Terminalgebäude wird von der Nachmittagssonne angestrahlt und wir nehmen unsere Parkposition an der mittleren der drei Fluggastbrücken ein. Der Airport macht nicht gerade einen geschäftigen Eindruck. Ältere Flugzeuge aus sowjetischer Produktion stehen über das Vorfeld verteilt, Arbeiter und Gepäckwagen nähern sich und beginnen mit dem Entladen.

Im Terminal geben wir zuerst unsere Gesundheitserklärung ab, reisen dann ein, was schnell und unproblematisch vonstatten geht und warten dann auf unser Gepäck. Alles was in der Tupolew war kreist über Band Nummer 2. Es zieht sich bis unsere Koffer kommen. Die nächste Schlange ist dann der Zoll. Hier wird akribisch vorgegangen. Das Gepäck wird geröntgt, man selbst entleert seine Taschen und geht durch einen Metalldetektor. Interessant sind Smartphones, der Zöllner untersucht jedes Handy genau - vor allem die darauf gespeicherten Fotos interessieren ihn. Gleiches gilt für iPads, Fotoapparate und auch Bücher werden begutachtet. In der Ankunftshalle begrüssen uns Frau Pak, Herr Kim und Herr Li - unsere Reiseleiter. Eine weitere Dame, Frau Kim treffen wir später noch im Hotel.

Während wir warten, dass sich unsere Reisegruppe komplettiert, schauen wir uns in der Ankunftshalle um. Ein Buchstand mit Landkarten und Werken der Großen Führer, ein Erfrischungsstand mit Rotkäppchen Sekt, ein Bankschalter, der noch nie geöffnet hatte und daneben ein Geldautomat, der noch nie in Betrieb war. Alles ganz neu und ganz modern. Das erste Mal sehen wir unsere Reisegruppe - 20 Männer und drei Frauen im Alter von 23 bis 86 aus neun verschiedenen Nationen. Einige bleiben fünf Tage, andere sechs und reisen dann noch weiter in den Norden und von dort zu den Siegesfeierlichkeiten aus Anlass des Endes des Großen Vaterländischen Krieges 1945 nach Vladivostok. Und wieder andere bleiben, wie wir sieben Tage. Als wir den Flughafen verlassen, dämmert es bereits. Wir besteigen unseren Bus und fahren nach Pjöngjang hinein. Je näher wir der Stadt kommen, desto mehr nimmt der Verkehr zu, allerdings kein Vergleich mit anderen Städten dieser Erde. Energie ist offensichtlich ein Problem, es mangelt an Strassenbeleuchtung und bei Blicken in die Häuser sehen wir Frauen, die mit Stirnlampen über Nähmaschinen sitzen. Weiter fällt uns auf, dass es sehr viele Friseurgeschäfte gibt, was vielleicht dem Erlass über den sozialistischen Haarschnitt geschuldet ist. Allerdings brannten auch in bei den Friseuren nur Funzeln, vermutlich beherrscht das Personal die 28 möglichen Frisuren blind und im Schlaf.

An der Straße sehen wir auch die ersten Bildnisse des Großen Führers Kim Il-Sung, sowie seines Sohnes des Geliebten Führers Kim Jong-Il. Und siehe da, hier gibt es Licht, die Bildnisse sind optimal und ohne Kosten und Mühen zu scheuen ausgeleuchtet. Einige Meter weiter sind Fussgänger mit Taschenlampen unterwegs.

Unsere touristischen Führer geben uns derweil erste Regeln für die Reise mit auf den Weg. Wir dürfen alles fotografieren, außer Armeeangehörige, militärische Anlagen und wenn wir Koreaner fotografieren wollen, sollen wir sie vorher fragen. Des Weiteren sollen wir unser Hotel bitte nicht allein verlassen, sondern unsere Reiseleiter fragen, wenn wir den Wunsch hegten irgendwohin zu gehen. Die Koreaner würden ja in der Regel unsere Sprache nicht verstehen und daher wären wir schnell aufgeschmissen.

Das Yanggakdo International Hotel liegt praktischerweise auf der Insel Yanggakdo mitten im Taedong River, so dass man Touristen gut unter Kontrolle behalten kann. Gegen 19.30 Uhr beziehen wir unsere Zimmer im 30. Stockwerk des Hotels - Bombenaussicht über die wenig beleuchtete Stadt. Wir liefern Reisepässe und Flugtickets bei der Reiseleitung ab und treffen uns zum Essen im koreanischen Restaurant. Am nächsten Tag soll es in die demilitarisierte Zone gehen. Abfahrt wird für sieben Uhr befohlen.

Nach dem Essen begutachten wir noch das "revolving restaurant" im 47. Stock, es dreht sich nicht. Auf Nachfrage wird der Motor eingeschaltet, das Restaurant beginnt sich zu drehen. Nachdem wir uns davon überzeugen konnten, dass es sich dreht, wird auch gleich wieder ausgeschaltet.

28. Juni 2016


29. April 2016

Noch herrscht Krieg


Irgendwie hab ich Jetlag auch schonmal leichter weggesteckt, so mache ich aus der Not eine Tugend und fotografiere Pjöngjang aus dem 30. Stockwerk als es zu tagen beginnt. Schöne Bilder! Offensichtlich baggert man den Taedong aus - auch nachts, das ganze klingt als würde jemand Steine mahlen und macht das Schlafen nicht einfacher. Aber wir sollen ja eh früh aufstehen. Frühstück soll es ab 6 Uhr geben. Am Restaurant steht aber ab 7 Uhr. Wir ziehen unverrichteter Dinge wieder ab - müde!

Um 6.30 Uhr kann man dann aber doch schon etwas bekommen. Die Auswahl ist ausreichend. Man wird satt. Die einzige Sorte Marmelade erinnert mich irgendwie an die DDR, Vierfruchtmarmelade ohne vierte Frucht. Der Kaffee ist zum Weinen, eine Teelöffelspitze Nescafe wird mit heißem Wasser aufgegossen, dazu Milchpulver. Freier Blick auf den Tassenboden. Noch spannender ist die Teezubereitung: Der Beutel wird dreimal in die Tasse mit heißem Wasser getunkt und danach solange zur Seite gelegt, bis der nächste Gast Tee wünscht. Das gleiche Spiel, der gleiche Beutel Auf diese Weise werden bis zu vier Tassen Tee hergestellt, dann geht es mit einem neuen Beutel weiter.

Pünktlich um 7 sitzen wir schließlich im Bus. Einer fehlt und hat verschlafen. Irgendwann geht es los, nach Süden. Wir fahren auf die Autobahn, sehr breit, kaum Fahrzeuge, dafür Fussgänger, Radfahrer und Schlaglöcher. Der Busfahrer beschleunigt, bremst, weicht aus, beschleunigt, bremst und so weiter, 170 Kilometer liegen vor uns, drei Stunden sind dafür angesetzt. Zwischendurch halten wir an einer Raststätte. Toilettengang. Dazu ein draußen aufgebauter Verkaufsstand mit Zigaretten, Erfrischungen, der bereits vom Flughafen bekannten Literatur und einigen anderen Devotionalien, unter anderem T-Shirts - leider nicht in meiner Größe.

Auf der Toilette gibt es kein fließendes Wasser, der Wasserhahn ist tot. Neben dem Waschbecken steht ein großer Kanister mit Wasser, dazu ein Schöpfgefäss.

Links und rechts der Autobahn sind überall Ackerflächen, hin und wieder sieht man jemanden auf den Feldern am arbeiten, sehr selten mal einen Traktor, dafür Menschen, die in Gruppen auf dem Feld hocken mit einfachsten Werkzeugen - Ochsen, die pflügen. Verglichen mit Pjöngjang fällt der Eindruck auf dem Land doch sehr ab. Die Fassaden sind schäbiger, die Fenster schiefer.

Gegen 10.30 Uhr stehen wir an der Einfahrt zur demilitarisierten Zone, ein Soldat der Volksarmee begleitet uns, beschützt uns und darf fotografiert werden. Wir erfahren einiges über den Korea-Krieg, die amerikanischen Aggressoren, sehen wo das Waffenstillstandsabkommen verhandelt und unterschrieben wurde. Es gibt bis heute keinen Friedensvertrag. Eine Reiseleiterin erläutert, dass im Falle weiterer Kampfhandlungen Nordkorea so kämpfen würde, dass es niemanden mehr gäbe, der über einen Waffenstillstand verhandeln könne. Damit wäre das auch geklärt - siebzig Jahre Gehirnwäsche hinterlassen offensichtlich Spuren. Höhepunkt ist schließlich die Besichtigung der Grenze mit ihren blauen Hütten, die direkt auf dem 38. Breitengrad stehen, der Linie, die Nord- und Südkorea teilt. Das ganze ist irgendwie surreal, alles wirkt so friedlich im Sonnenschein. Auf der Südseite ist niemand zu sehen, nur Kameras und vermutlich auch Soldaten hinter der verspiegelten Fassade des dortigen Gebäudes. Plötzlich brummt das Handy in der Hosentasche, es hat südkoreanisches Netz gefunden. In den Verhandlungsbaracken können wir die Grenze überschreiten. Die Volksarmee passt auf uns auf. Im Souvenirshop werden Propagandaplakate feilgeboten, handgemalt und mit Bescheinigung für die Ausfuhr.

Von der Grenze reisen wir nach Kaesong ins Koryo Museum, Frauen in Glockenkleidern und ein Eindruck aus lange vergangenen Zeiten. Danach Mittagessen - Bansang - royal meal im Tongil Restaurant (Wiedervereinigung) - verschiedene Gerichte in goldenen Töpfchen. Für die die wollten gab es auch Ginsenghuhn oder Sweet-meat Soup (Hund). Einer unserer Mitreisenden mag sein Ginsenghuhn nicht aufessen, der Kopf ist noch dran. Die Hundesuppe hingegen erfreut sich allgemein großer Neugier und Aufmerksamkeit.

Derart gestärkt treten wir die Rückfahrt nach Pjöngjang an. An der Raststätte hat man derweil den Verkaufsstand auf die andere Autobahnseite getragen. Wir dürfen das bereits bekannte Angebot nochmals bestaunen. Wir lernen im Bus zu schlafen, während die Stoßdämpfer versuchen das zu tun, wofür man sie erfunden hat. Der nächste Stop ist am Denkmal für die Wiedervereinigung, welches die Straße am Ortseingang nach Pjöngjang überspannt. Wieder in der Hauptstadt angekommen, besichtigen wir das Victorious Fatherland Liberation War Museum. Ein Propagandatempel in Mamor mit einer engagierten lokalen Führerin die uns über die Greuel des Koreakrieges aufklärt. Interessant ist, das es ein Korea War Museum auch in Seoul gibt, in dem sich Exponate und Geschichten gleichen, nur die Perspektiven der Betrachter sind natürlich umgekehrt. In Pjöngjang sind die Amis die Bösen und in Seoul gibt es keine marmorne Kim Il-Sung Statue - wunderbar ausgeleuchtet.

Es begann bereits zu dämmern als wir hiernach zum Monument of Party Founding eilen. Im angeschlossenen Kulturzentrum Schriften vom großen und geliebten Führer mehrsprachig. Trotz längeren Aufenthaltes mag niemand etwas kaufen. Am Straßenrand sehen wir Jungpioniere, die die Grasstreifen wässern und mit Scheren bearbeiten - der erste Mai naht. Aus dem Busfenster auf dem Weg zum Abendessen - hot pot - eine Art koreanisches Fondue können wir einen Blick in die Geschäfte werfen, es fallen Chipstüten und Getränkeflaschen auf. In manchen Läden sieht man Plastikschalen mit Zwiebeln, Kohl und anderem Gemüse. Regelrechte Supermärkte (oder Kaufhallen) kann ich nicht ausmachen. An Friseuren herrscht allerdings keinesfalls Mangel.

Wir sind müde.

29. April 2016

Fahrstuhlvideo im Yanggakdo Hotel


30. April 2016

Let's bow


Es geht wieder um 7 Uhr morgens los. Als erstes steht der Mansudaehügel auf der Agenda. Einer der heiligsten Orte im ganzen Land, Heinz I und Heinz II in 20 Meter Bronze. Auf dem Weg dorthin erklärt uns die Reiseleiterin Frau Kim den koreanischen Brauch, hier Blumen niederzulegen und sich zu verbeugen, verbunden mit der Bitte, dieses zu respektieren und den Führern seine Ehre zu erweisen. Der Bus hält an, erst will man uns noch einen Fontänenpark zeigen, aber irgendwie geht das schief. Die Gruppe steigt aus dem Bus und verteilt sich, wir ziehen zu zwei Großbildnissen der beiden Heinze vor dem Kaufhaus Nummer 1 und stehen beim Fotografieren inmitten lauter Nordkoreaner - von unserer Reiseleitung keine Spur. Nachdem wir alles abgelichtet haben, kehren wir zum Bus zurück, alle wieder da, bis auf einen. Opa (86) aus Frankreich fehlt. Aufregung unter unseren Führern macht sich breit. Man schwärmt aus, keine Spur von Opa. Die Anspannung wächst sicht- und fühlbar. Plötzlich ist Opa wieder da und man kann ganze Steinbrüche von den Herzen unserer Reiseleiter fallen hören. Opa teilt mit, man habe ihm gesagt, er solle gehen, also sei er losgegangen.

Wir fahren weiter zu den Bronzestatuen, Blumen werden angeboten, irgendjemand kauft. Am Fusse der beiden hochverehrten Herren nehmen wir Aufstellung, die Blumen werden niedergelegt, "show respect", wir verbeugen uns.... Wenn die Grenze gestern schon surreal wirkte, dann ist das die Steigerung, aber den Superlativ haben wir noch lange nicht erreicht....

Auf dem Weg zum Chollima-Pferd beginnt es zu regnen, wir verzichten auf Besichtigung, steigen wieder in den Bus und rumpeln drei Stunden lang zum Mount Myohyang zur Freundschaftsausstellung. 150 Marmorsäle auf 50.000 Quadratmetern in den Berg gezimmert und Vitrine um Vitrine vollgestopft mit Geschenken die der große und der geliebte Führer aus aller Welt erhalten haben. Unsere höchst engagierte lokale Führerin, die seit 23 Jahren durch die Ausstellung führt und im gleichen Duktus spricht wie Ri Chun-hee, die Volksansagerin Nordkoreas, klärt uns auf, dass es unmöglich wäre die gesamte Ausstellung zu sehen (Gott sei Dank!) und so beschränken wir uns erstmal auf europäische Räume. Von der Glasschüssel irgendeiner LPG über hässliche Bilder, Schnitzereien, Flaschenöffner, Vasen ist hier alles ausgestellt was die Herren Kim mal geschenkt bekommen haben. Selbstverständlich getrennt nach Vater und Sohn und sortiert nach Kontinent und Herkunftsland. Nach Europa sehen wir auch den Basketball den Madeleine Albright geschenkt hat und noch ein wenig Nippes von afrikanischen Potentaten. Am beeidruckendsten fand ich hier eine Namibia-Kaffeetasse mit dazu passendem Schlüsselanhänger von Hifikepunye Pohamba. Ceaucescu hat übrigens einen Bärenkopf geschenkt.

Aus Russland gab es mal ein ganzen Flugzeug - für das hat man auch extra einen Hangar gebaut. Doch auch das ist noch nicht der Gipfel der Surrealität. Sie meinen es ernst und glauben daran, wie man an unserer Geschenkeerklärerin deutlich erkennt. Spätestens jetzt werden die Auswirkungen und Erfolge siebzigjähriger Gehirnwäsche mehr als deutlich. Das ganze hat religiöse Züge, da gibt es auch immer so schöne Bilder, nur die Heilsversprechen unterscheiden sich. Das selige Lächeln der Gläubigen ist das gleiche.

Hier frönt man der Juche-Ideologie, die darauf abhebt, dass jeder für sein eigenes Schicksal verantwortlich ist und man ist auch ziemlich pingelig wenn es um die gottgleichen drei Heinze geht. Hinsichtlich der Pyongyang Times, die wir im Flugzeug bekommen hatten, werden wir gebeten, diese nicht wegzuwerfen und die Bildnisse der Führer nicht zu knicken, falten oder Gott weiß was damit zu tun. Ggf.sollten wir die Blätter den Reiseleitern geben. Seitdem frage ich mich, was machen die damit...

Der geballten Demonstration großer Freundschaft mit der Welt folgt ein Mittagessen und ein Spaziergang in der Natur, Wasserfälle anschauen. Wir sind die einzigen, die schauen. Vor der dreistündigen Rückfahrt noch ein Toilettengang im Hyangsan Hotel, eines der nobleren Hotels, unweit der Freundschaftsausstellung. Allerdings aktuell offensichtlich ohne Gäste.

Zurück in der Hauptstadt folgt das Abendessen und dem wiederum ein Besuch im Kaeson Youth Park, ein Vergnügungspark. Als wir ankommen macht dieser den Eindruck als wolle man gerade schließen. Man öffnet die Achterbahn extra für uns nochmal, es begegnen uns immerhin ein paar andere und offensichtlich einheimische Gäste - sichtlich angeheitert mit Bierflaschen in der Hand. Nach der Achterbahn folgt noch ein weiteres Fahrgeschäft, dann können die Parkbetreiber wieder einpacken und wir setzen das Besichtigungsprogramm mit der ganz neu erbauten Mirae Scientists Straße fort. Moderne Hochhäuser (genau darf man aber auch nicht hinschauen), Straßenbeleuchtung, Leuchtreklame, die allerdings während unseres Besuches erlischt. Aktuell der ganze Stolz der Stadt Pjöngjang, letztes Jahr erst von Heinz III eröffnet.

Kurz vor 23 Uhr sind wir zurück im Hotel und haben keine Fragen mehr - endlich wieder eine Toilette mit Wasserspülung....!

30. April 2016

Achterbahnfahrt in Nordkorea


1. Mai 2016

May Day


Tag der Arbeit, Feiertag, wir müssen erst um 8 Uhr abfahren, werden allerdings bereits um 7.45 Uhr in die Lobby befohlen, zur Begutachtung. Der erste Programmpunkt heute ist der Kumsusan Palace of the sun, das Mausoleum in dem der Große und der Geliebte Führer aufgebahrt sind. Jeans und Turnschuhe sind verboten, am liebsten wäre unseren Guides Anzug und Krawatte, aber bei Touristen lässt man ein wenig Nachsicht walten, einer unserer Mitreisenden wird dennoch zurückgeschickt um sich umzuziehen. Seine Hose hatte Flicken. Für gut angezogen befunden sitzen wir alle im Bus und fahren los. Das heutige Mausoleum war früher der Amtssitz des ewigen Präsidenten Kim Il-Sung und wurde nach seinem Ableben zum Mausoleum umgebaut. Kim Jong-Il durfte später dann auch einziehen.

Zuerst geht es in einen Warteraum, wir müssen alles abgeben, Handys, Portemonnaies, Kameras, danach in Viererreihen Aufstellung nehmen und dann marschieren wir los. Erstmal Metalldetektoren und Abtasten, damit nichts verbotenes wie eine Kamera seinen Weg ins Innere findet. Als nächstes laufen wir über eine Bürstenmaschine, die unsere Schuhe von unten reinigt und betreten zuerst einen Saal mit überlebensgroßen Marmorstatuen der beiden Heinze, davor eine gelbe Linie, Aufstellung nehmen, Verbeugen und Respekt zeigen, dann finden wir uns auf Laufbändern wieder, die uns durch das Mausoleum baggern - Im Schneckentempo. Links Bilder vom Großen Führer mit Maiskolben, Kohlköpfen und bei Vor-Ort-Anleitungen, rechts Bilder vom Geliebten Führer bei der Inspektion von Maschinen, auf Feldern und im Kreise sozialistischer Brüder - dazu gedämpfte revolutionäre Trauermusik aus Lautsprechern, dann ein Fahrstuhl noch ein Laufband und schließlich laufen wir durch ein Gebläse, welches auch das letzte Stäubchen von unserer Kleidung pustet. Wir finden uns in einem großen Saal wieder, abgedunkelt mit runtergedimmtem rötlichen Licht, in der Mitte ein Glassarkophag mit Heinz I, daneben Ehrenwachen. In Viererreihe nehmen wir zu seinen Füssen Aufstellung und verbeugen uns, links vom Leichnam erneut verbeugen, hintenrum laufen und rechts eine letzte Verbeugung. Im nun folgenden Saal Auszeichnungen und Ehrendoktorwürden und Bilder im Kreise der Freunde aus der internationalen Politik, danach ein Raum mit einer Weltkarte an der Wand, auf der die Auslandsreisen des Großen Führer illuminiert angezeigt werden, rot für Flugreisen, blau für Reisen mit der Eisenbahn. Der Eisenbahnwagen vom ewigen Präsidenten wird hier ebenso gezeigt wie sein schwarzer Dienstmercedes.

Es folgt ein weiteres Gebläse, falls sich zwischenzeitlich ein Stäubchen verirrt hat und schon finden wir uns wieder im Schein des Rotlichts vor dem nächsten Schrein. Der Geliebte Führer in seiner olivfarbenen Lieblingskleidung, das gleiche Verbeugeprocedere, danach Auszeichnungen, Urkunden und Fotos mit politischen Freunden bewundern und natürlich auch Eisenbahnwagen und Auslandsreisen. Im Falle von Kim Jong-Il nur mit der Bahn, er hatte Flugangst und verstarb bei der Arbeit an einem Herzinfarkt in seinem Waggon - vor einem Macbook pro. Unterhalb des Schreibtisches stehen seine 20 cm-größer-ohne-dass-mans-sieht Schuhe die auch heute noch den dernier cri nordkoreanischer Männermode darstellen. Zu guter letzt sein Dienstmercedes, ein neueres Modell als das vom Papa. Danach gehts auf dem gleichen Wege wieder hinaus, wie hinein, Fahrstuhl und Laufbänder. Uns kommen Gruppen von Nordkoreanern im feinsten Sonntagsstaat entgegen. Manche weinen.

Geplättet spazieren wir bei strahlendem Sonnenschein durch den Park des Mausoleums nachdem wir unsere Habe wieder eingesammelt haben. Einen solchen Personenkult hab ich nie zuvor gesehen, es ist schwer, das Erlebte zu beschreiben. Zur Entspannung feiern wir jetzt den ersten Mai und fahren in den Taesongsan Park. Man mag es nicht glauben, wir bekommen eine Stunde Zeit und dürfen uns im Park frei bewegen und unter die Einheimischen mischen. Wir sehen Menschen ins einer Wildwasserbahn und beim Tauziehen, im Autoscooter und kaufen uns ein Eis. Alles wird auf einmal so "normal". Zum Mittagessen geht es an den Mount Ryongak, wir grillen ganz enstpannt, um uns herum grillen auch Einheimische.

Derart gestärkt können wir nun die Pjöngjanger Metro in Augenschein nehmen, wir beginnen an der Station Wiederauferstehung (Puhŭng) und fahren von dort mit der Ch’ŏllima-Linie eine Station bis Blühendes Licht (Yŏnggwang), das ganze in U-Bahn Wagen, die früher mal sonnengelb waren und durch Berlin fuhren, Modell Dora. An den Wänden noch die Metallrahmen, in denen früher mal die Berliner Netzpläne hingen. Unterhalb der Wagendecke schauen auch hier Heinz I und II auf uns herab. Nachdem wir genügend Fotos gemacht macht haben geht es noch drei Stationen weiter bis Triumphale Wiederkunft (Kaesŏn), hier endet unsere Fahrt. Unser Bus sammelt uns ein und bringt uns zum Chuch'e Turm, aus 150 Meter Höhe werfen wir einen Blick über Pjöngjang. Ganz schön windig hier oben. Die Fackel leuchtet nachts über der dunklen Stadt und flackert dabei wie ein Kaminfeuer.

Ein Highlight jagt heute das nächste, wir fahren zum Bahnhof, wo der wohl älteste Trolleybus der Stadt auf uns wartet - vor einer Art Burgerbude, ob hier wohl der Air Koryo Burger zubereitet wird? Der Bus ist ziemlich 60er Jahre und cool. Er bringt uns zum Triumphbogen. Da endet unsere Fahrt und wir spazieren am Kim Il-Sung Stadion vorbei in den Morabong Park. Erneut sehen wir feiertagsgenießende Nordkoreaner, die in größeren Gruppen tanzen, sogenannte Massentänze, ein erstaunliches Phänomen. Hübsch anzusehen und die eine oder andere Touristin reiht sich ein. Es ist angenehm sich einfach mal unter die lokale Bevölkerung zu mischen, man wird auch nicht angestarrt und alles fühlt sich an wie in jedem anderen Land der Welt. Selbst unsere Guides machen einen entspannten Eindruck.

Es folgt das Abendessen und danach offeriert man uns den Besuch einer Bar und Microbrauerei. Gemeinsam mit einigen anderen passe ich und wir genehmigen uns stattdessen noch ein Gute-Nacht-Taedong-Bier im Drehrestaurant - heute auch mit Rotation.

1. Mai 2016

Tanz in den Mai


2. Mai 2016

Ich kann es nicht mehr hören


Der Tag fühlt sich an wie Urlaub, wir fahren heute erst um 9 Uhr los und dürfen wieder spazieren gehen, in der Innenstadt von Pjöngjang. Natürlich zerfällt die Gruppe dabei ein wenig und unseren Führern ist die Anspannung anzumerken, zumal es bei dem einen oder anderen Foto zu Diskussionen kommt. Eine Gruppe Einheimischer erregt sich, es wird aber nicht ganz klar, worüber. Scheinbar weil jemand in einen Innenhof hineinfotografiert hat. Wir können in Läden hineinschauen, so ganz erschließt sich das System der Warenverteilung aber nicht. Fleisch habe ich immer noch in keinem Laden gesehen, Reis aber auch nicht.

Am Hauptbahnhof angekommen verabschieden wir Teile unserer Gruppe in den Zug nach Beijing, ein anderer Teil ist morgens schon früh dorthin geflogen. Wir sind noch 11, die zwei weitere Tage Nordkorea erleben wollen und besuchen nun den Sci Tech Komplex, der am 1. Januar erst an die Öffentlichkeit übergeben wurde. Das moderne Gebäude in Form eines Atoms wird uns als E-Bibliothek präsentiert. Drinnen modernste Ausstattung und zahllose Computer, allerdings kaum Menschen, wir erfahren dass das Gebäude für jedermann zugänglich ist. Wir sehen eine Kasse an der es Tickets gibt, vier Etagen, vielleicht ist das ganze am Bedarf vorbei geplant? Bevor unsere Führung beginnt dürfen wir uns wieder mal verbeugen und werden über die Segnungen informiert, die der Marschall Kim Jong-Un in seiner Weisheit der nordkoreanischen Bevölkerung mit dieser Einrichtung zugedacht hat. Selbstverständlich war der Marschall auch schon da. Der Platz auf dem er saß ist mit einem roten Aufsteller markiert und auf genau diesen Platz setzt sich Opa und fegt den Aufsteller mit seinem Gesäß zur Seite. Für einen Moment könnte man eine Stecknadel fallen hören, man trägt das ganze aber mit Fassung und weist Opa erst nach dem Vortrag darauf hin, auf welch denkwürdigem Sessel er Platz genommen hatte.

Die weiteren präsentierten Errungenschaften sind langweilig, Computer, Bücher, auch harmloses aus dem Ausland, die Darstellung eines Satellitennetzwerkes und in der Mitte des Komplexes ist eine Rakete aufgebaut. Erst im Kindererlebnisbereich Traumhalle wird es wieder spannend. Ein etwa vierjähriger schießt mit Omas Hilfe an einem Spielgerät feindliche Flieger ab. Früh übt sich, wer zur Volksarmee muss.

Mittag gibt es heute im Hotel, die Mahlzeiten gleichen sich allmählich auch immer mehr, nach drei Tagen Highlights zeigt der Urlaub erste Ermüdungserscheinungen im Programm. Der Nachmittag beginnt mit dem Metro Construction Museum, das klingt erstmal spannend, ist es aber nicht. Nachdem wir an dem obligatorischen Heinz-Bild vorbeigeschlappt sind, hören wir eine Stunde lang , dass der große Führer die Metro in Pjöngjang fast alleine gebaut hat. Akribisch wird aufgelistet, wie oft er und sein Sohn die Baustellen besichtigt haben. Die Besuche werden in großen Dioramen nachgestellt, die Zahnradbahn mit der er in den Untergrund gefahren ist wird ausgestellt, hinzu kommen Fotos diverser Vor-Ort Anleitungen und Gummistiefel unter Glas. Die Erläuterung der glorreichen Taten der großen Führer im besten Land der Welt wird schlicht anstrengend. Ich frage mich ob es auch Führerpups in Flaschen gibt und ein dazu passendes Museum.

Es folgt Handwerkskunst - im staatlichen Stickinstitut besichtigen wir stickende Nordkoreanerinnen, solange bis endlich jemand gesticktes erwirbt. Es beginnt zu regnen, das erspart uns den Friedhof der Revolutionshelden, wir fahren direkt zur modernsten LPG Nordkoreas mit Kindergarten, Schwimmbad und Gewächshäusern. Wir lassen uns von Kindern vorsingen und bestaunen Gurken beim wachsen. Einen Eimer bekommen wir geschenkt von der Obergurkenpflegerin. Selbstredend hat irgendein Heinz die Gurkenpflanzen bereits besprochen. Ein Schelm wer arges dabei denkt. Die Frage warum diese Agrareinrichtung so gut aussieht, während sonst überall mit einfachsten Mitteln Landwirtschaft betrieben wird bleibt unausgesprochen. Wahrscheinlich hätte man sie einfach weggelächelt.

Als Abendvergnügen fahren wir zum Schießstand, wer mag, kann sich hier im Schießen üben, die die wollen sind aber scheinbar zu schlecht, denn die im Programm stehende Ente wird nicht serviert, dafür das gleiche wie zum Mittagessen.

Mein Highlight des Tages findet abends an der Hotelbar statt, unser stiller Begleiter Herr Kim, dessen Funktion nie ganz klar wird (er sitzt hinten im Bus und spricht nicht viel) hat für unseren Mitreisenden vom Europäischen Reisebüro- und veranstalterverband den Chef einer Incoming Agentur zum Gespräch organisiert. Da ich auch in dieser Branche tätig bin fragt man mich, ob ich dem Gespräch beiwohnen will. Und wie ich will ! So werde ich Zeuge von nordkoreanischen Geschäftakquiseversuchen und dem Austausch höflicher Platitüden. Offensichtlich besteht großes Interesse mehr Touristen ins Land zu holen, unklar bleibt leider ob man begreift, dass dazu tiefgreifende Änderungen am Konzept notwendig sind. Da man aber sogleich anbietet, Branchenvertreter zu Kennenlerntrips ins Land einzuladen, scheint man zumindest eine Idee zu haben wie der Hase läuft. Immerhin einmal ein Blick hinter die Kulissen.

2. Mai 2016

Kindergarten


3. Mai 2016

Warmes Wasser, wann?


Abfahrt um 7.30 Uhr es regnet und zwar richtig. Außerdem werden unsere Reiseleiterinnen Frau Pak und Frau Kim ausgetauscht, die eine sei malade, die andere verabschiedet sich von uns, weil man sie für eine französischsprachige Gruppe brauche. Ob das die wahren Gründe sind werden wir nie erfahren, Fakt ist, der neue Reiseleiter ist von einem anderen Kaliber, der Ton ist fordernd, die Ansagen auch. Neugierig interviewt er uns, was wir beruflich machen. Der stille Herr Kim sitzt nach wie vor hinten im Bus und auch der russischsprachige Jungreiseleiter Herr Li ist noch mit von der Partie.

In dieser neuen Besetzung schaukeln wir nach Nampo zum Westmeersperrwerk, hören Geschichten über dessen Errichtung und die weisen Beiträge der großen und geliebten Führer, genießen die Aussicht unter tiefhängenden Wolken, es ist nass! Wir schaukeln weiter mit dem Bus, diesmal über Nebenstraßen nach Sinchon, das Fahren auf der Autobahn war vergleichsweise sanft. Irgendjemand fotografiert einen LKW, was zur Folge hat, dass der Bus an einer Sperre angehalten wird und unsere Begleiter Rede und Antwort stehen müssen. Wir werden ermahnt und setzen unsere Fahrt fort zum Sinchon Massaker Museum. Von diesem Massaker aus dem Korea Krieg habe ich bisher nie gehört, diese Bildungslücke wird jetzt mit drastischen Bildern geschlossen. Zuvor verbeugen und Blumen niederlegen. Der Strauß ist aus Kunststoff und kostet drei Euro. Wir fragen uns wie oft der wohl so am Tag verkauft wird.

Im Museum lernen wir über die Kriegsgreuel der Amerikaner im Koreakrieg, über angezündete Frauen und Kinder, Folter und in Schädel getriebene Nägel. Außer uns sind auch verschiedene andere nordkoreanische Gruppen im Museum. Man passt aber schön auf, dass sich da nichts mischt, keiner zurückbleibt und wir immer allein in einem Ausstellungsraum sind.

Zum Schluss sollen wir uns in Gästebuch eintragen. Niemand will. Also wird der Ami aus unserer Gruppe seitens des Reiseleiters aufgefordert, dies zu tun. Ich möchte nicht mit ihm tauschen. Als er fertig ist, greift Opa sich das Gästebuch und lässt die Leser wissen, dass Krieg keine Lösung ist und man beginnen sollte miteinander zu reden - Jetzt!

Es regnet immer noch. Wir sollten draußen picknicken. Stattdessen vertilgen wir unsere nordkoreanischen Lunchboxen drinnen in einer Art nordkoreanischem Wohnzimmer unter den Augen des großen und des geliebten Führers. Mahlzeit Jungs!

Weiter geht es nach Haeju, die Dörfer an denen wir vorbei kommen wirken jetzt richtig schäbig, das miese Wetter trägt das seine dazu bei. Im Vergleich zu Pjöngjang wird es armselig vor dem Busfenster. Der Regen saugt sich in die Fassaden, die Fenster hängen schief in den Angeln, wenn überhaupt. Was machen die Leute im Winter bei -20°C?

Wir sollten eigentlich Sokdamgugok besichtigen, eine ungewöhnlich schöne Landschaft mit konfuzianischer Studieneinrichtung, die Straße über den Fluss ist allerdings überschwemmt, der Busfahrer will rüber, wir wollen nicht. So fahren wir gleich ins Haeju Hotel **, dies liegt mitten in der Stadt, direkt am örtlichen Heinz-Bronze Denkmal und wir werden nochmal deutlich darauf hingewiesen, das Hotel nicht zu verlassen. Die Zimmer sind naja, die Badewanne sehenswert, die Betten eine Überraschung, aber hart liegen soll ja gesund sein. Fraglich ist, warum man um das Brett ein Gestell herum gebaut hat.

Beim Abendessen (kommt mir bekannt vor) sitzen wir plötzlich im Dunkeln, als wir die Handys anwerfen, springt die Notbeleuchtung an. Dann ist der Strom wieder da und kurze Zeit später wieder weg. Der Reiseleiter fragt, wann wir unsere Stunde Warmwasser haben wollen, wir einigen uns auf morgens nach dem Aufstehen. Während es drinnen dunkel ist, scheinen die Herren Kim in voller Pracht leuchtend durchs Fenster hinein.

Wir vertagen uns an die Hotelbar, es gibt Bier vom Fass, Geschichten über Urlaub, einen Vortrag über Tourismus und ab und an mal Strom.

Irgendwo müssen noch Schlaftabletten sein.

3. Mai 2016


4. Mai 2016

Parteitagsvorbereitungen


Man schläft wirklich gut auf harten Unterlagen, vielleicht lag es auch an der Schlaftablette aber wir haben bombig geschlafen als der Wecker uns darauf aufmerksam macht, dass es jetzt warmes Wasser gibt. In der braun verfärbten Badewanne wird Körperpflege betrieben, draußen marschieren derweil Pioniere um den Platz und winken mit roten Puscheln. Die Stufen vom Heinz-Denkmal werden gefegt und aus dem Lautsprecherwagen tönt Revolutionsmusik. Keine Ahnung ob man das fotografieren darf, aber das Zimmerfenster lässt sich öffnen und es ist keiner da, der mich hindern könnte. Die Sonne scheint!

Nach dem Frühstück fahren wir erst zum Suyangsan Wasserfall, der Dank des Regens vom Vortag sogar eine Menge Wasser den Berg hinabwirft. In den Berg ist natürlich eine Inschrift gemeißelt die einen der Führer betrifft, vermutlich hat er dem Wasser gezeigt, wo es langfließen muss. Unser russischer Mitreisender wirft sich ins kalte Nass, nicht ohne die letzte verbliebene Dame unserer Gruppe darauf hinzuweisen, dass sie nicht gucken dürfe... Die Sonne hebt die Stimmung ungemein, richtig schön hier. Wir setzen die Reise fort nach Sariwon und besichtigen erneut eine LPG, diese ist schon älter, aber auch als Vorzeigeobjekt gedacht. Wir dürfen einem Bauern durch die Wohnung stiefeln. Hier schließen die Fenster.

Auf der Sariwon Foklore Straße versucht man uns einen Eindruck vom früheren Korea zu vermitteln, danach wird es Zeit fürs Mittagessen. Als Demonstration für die Religionsfreiheit besichtigen wir danach ein buddhistisches Kloster. Der Mönch (scharfe Schuhe - aus Italien?) führt uns rum und ich frage mich ob er die Position in Teilzeit bekleidet, als Mietmönch. Außer ihm und uns ist auch weit und breit kein Mensch zu sehen.

Es wird mal wieder Zeit für einen Wallfahrtsort, auf dem Rückweg nach Pjöngjang stoppen wir in Mangyŏngdae und bestaunen das Geburtshaus von Kim Il-Sung. Die Luft ist aber raus, keiner mag den Erläuterungen der Führerin so recht folgen. Höflich lauschen wir den Lobpreisungen und freuen uns am Sonnenschein. Der nächste Programmpunkt ist nicht besser, die Blumenausstellung, ein Tempel für die Kimilsungia und die Kimjongilia. Natürlich sind nach solch weisen Männern wie den Führern Nordkoreas auch Pflanzen benannt. Wir könnten Saatgut erwerben, aber wir wollen nicht.

Letzter Programmpunkt unserer Reise soll der Kim Il Sung Platz werden, der Hauptplatz Pjöngjangs. Die komplette Innenstadt ist allerdings abgesperrt, man übt für den Aufmarsch zur Eröffnung des VII. Parteitages der PdAK, der übermorgen beginnen soll. Der Bus umfährt alles weiträumig und lässt uns raus, wir setzen unseren Weg zu Fuss fort, die Stimmung ist angespannt, es gibt Diskussionen mit Uniformierten. Auf der Straße Massen von Menschen mit Fackeln, die maschieren üben. Die Choreographie erschließt sich uns nicht ganz, auf den Gehsteigen hocken Menschen die scheinbar noch auf ihren Einsatz warten. NO PHOTOS! Wir werden angehalten einige Haken zu schlagen, erreichen schließlich den Kim Il Sung Platz, dürfen gucken, aber immer noch nicht fotografieren. Auf dem Pflaster sind Markierungen mit Zahlen aufgemalt. Vermutlich für die Aufmärsche, damit ein jeder seinen Platz findet. Vor dem Kaufhaus Nummer 1 stehen Taschen abgedeckt, scheinbar die "Garderobe" für die übenden. Wir laufen die Somun Straße runter, rechts ein Komplex mit Stacheldraht, die russische Botschaft. Links Hochhäuser mit Zäunen davor die einen qualitativ sehr guten Eindruck machen. Dann eine Einfahrt mit Kontrollposten, einfahrende Fahrzeuge müssen anhalten und sich ausweisen. Die Kofferräume werden kontrolliert. An der Mauer das Logo der Arbeiterpartei. Wir fragen den stillen Herrn Kim, was das sei und bekommen die Antwort in der nächsten Fussgängerunterführung (davon gibt es viele und sie sind in der Regel unbeleuchtet, was die Fortbewegung nicht erleichtert), es sei zwar kein Geheimnis, aber man rede auch nicht laut darüber, da wohne das Zentralkomitee - "keine Fotos" versteht sich von selbst. Schließlich stehen wir vor dem Kulturpalast des Volkes wo unser Bus auf uns wartet. Wir dürfen wieder fotografieren.

Die Ente, die vor zwei Tagen ausfiel gibt es am heutigen Abend im Hotel als Abschiedsessen, nach sieben Tagen Nordkorea neigt sich die Reise dem Ende zu, zugegebenermaßen reicht es auch. Wenn mich morgen die Taxifahrer in Peking betrügen, weiß ich, dass ich wieder im Kapitalismus angekommen bin. Der Abend klingt an der Hotelbar aus, unsere koreanischen Guides gesellen sich dazu und wir haben eine schöne Gesprächsrunde. Der stille Herr Kim versteigt sich zu der Erkenntnis, "we live in a very special country". Indeed!

4. Mai 2016

Aufmarsch morgens um 6 Uhr


5. Mai 2016

Willkommen im Kapitalismus


So, der Abenteuerurlaub hat ein Ende. Sieben spannende und anstrengende Tage liegen hinter uns. Bereits am gestrigen Abend haben wir uns schon wieder aufs Internet gefreut.

Unser Bus bringt uns um 7.30 Uhr zum Flughafen, der einzige Abflug heute geht um 10 Uhr nach Peking. Als wir ankommen, öffnet man gerade langsam die Schalter. Wir füllen Ausreisekarten aus und wollen einchecken - Fump - Stromausfall. Der Vorzeigeflughafen im Dunkeln, nach ein paar Minuten geht es wieder los und unsere Koffer verschwinden auf den Gepäckbändern. Wir reisen aus, für unsere Kameras und die damit gemachten Bilder interessiert sich niemand, in der Sicherheitskontrolle nimmt man mir allerdings mein Set mit Esstäbchen gegen Quittung ab. Ich werde sie von der Crew nach Landung in Peking wieder bekommen. Der Flieger geht pünktlich in die Luft, es ist der gleiche wie beim Hinflug. Ein letzter Air Koryo Burger, eine letzte Pyongyang Times und um 12 landen wir am Capital Airport in Beijing. Dank Free Wifi glüht das iPhone bereits in der Passkontrollschlange. Statt fürs Taxi, das mit Taxameter, Maut und Trinkgeld um die 90 Yuan kostet, entscheiden wir uns für den Airport Express und die Metro. Nach zweimal umsteigen und 350 Meter Koffer rollen sind wir für 28 Yuan im Hotel und holen erstmal zwei Stunden lang die Kommunikation mit dem Rest der Welt nach. Nordkorea vermag zu entschleunigen.

Dann frönen wir den Verlockungen einer westlicheren Welt und gönnen uns erst eine Fussmassage und anschließend Peking Ente und weitere Köstlichkeiten. Es lebe die Dekadenz. Wir schlendern durchs nächtliche Peking wieder ins Hotel und wissen, dass wir von dieser großartigen Reise noch länger zehren werden. Morgen geht es wieder heim!

5. Mai 2016